Tagebuch-Eintrag

12.07.09 19:20 Alter: 3 yrs

44. Woche: ¡Hasta luego España!

Von: Desastre

Mit den Abschieden ist das immer so eine Geschichte: Niemand will sie so richtig, aber man kommt auch nicht drum herum. Und gleich wie bei Diäten gibt es auch hier verschiedene Vorschläge wie man sie am besten bewältigen soll. Manche sagen: kurz und schmerzlos, aber das war in unserem Fall einfach nicht möglich. Gut, würden wir nicht jeder Stadt im Norden einzeln auf Wiedersehen sagen, hätte sich die Dauer des Abschiedes deutlich verkürzt ? und wäre nur halb so schön gewesen. Der Abschluss von 10 Monaten Spanien gehört halt einfach zelebriert.

 

Unsere Reise setzte sich am Montag weiter fort: von León nach Lugo. Die Stadt wurde in der Römerzeit gegründet, um die wilden Völker des Nordens zu besänftigen. Dementsprechend ausgebaut war die Stadtbefestigung, welche heute noch außerordentlich gut erhalten ist. Auf dem über 2 Kilometer langen Weltkulturerbe machten wir einen Verdauungsspaziergang, den ich nach dem Mittagessen bitter notwendig hatte. Ich dachte immer, die böhmische Küche wäre deftig, aber die Spanische steht den Mitteleuropäern um nichts nach (Stichwort Zorza ? eine Spezialität der Region bei der es sich um eine in Öl gebratene Wurstfüllung handelt!!)

 

Am nächsten Tag fuhren wir ans Ende der Welt ? zumindest wurde es lange dafür gehalten. Fisterra/Finisterre (der erste Ortsname ist die gallizische Version) galt seit der Römerzeit als westlichster Punkt des europäischen Festlandes und somit als das Ende der bekannten Welt. Mittlerweile gelten beide Fakten (Ende der Welt & westlichster Punkt des europäischen Festlandes) als widerlegt. Trotzdem wirkt die Landzunge wie ein Magnet auf Besucherströme, weil sich hier das offizielle Ende des Jakobsweges befindet.

 

Am Dienstag fiel auch ein großer Brocken Verantwortung von meinen Schultern: Nach 1.668,2 Kilometern gab ich ohne eine weitere Beule (und das ist in spanischen Städten eine Kunst!) das Auto zurück. Deswegen waren wir am Mittwoch wieder auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen um nach A Coruña/La Coruña zu gelangen. Um ihre Fassaden gegen Wind und Regen zu schützen, haben die Fischer früher Glasfronten an ihre Häuser angebracht. Wegen diesem eigentümlichen Aussehen wird die Stadt auch Kristallstadt genannt. Von der Altstadt ging es dann die 2 km lange Hafenpromenade entlang zum Herkulesturm, dem ältesten noch in Betrieb stehenden Leuchtturm. Bereits zur Römerzeit warnte er schon die ankommenden Schiffe.

 

Die nächsten beiden Tage waren dann Santiago de Compostela gewidmet. Besonders atypisch ist die Entstehung der Stadt: Nachdem die Gebeine des Apostels wieder aufgefunden wurden, errichtete Alfons II. eine Kirche. Bevor jedoch ein Dorf oder etwas Vergleichbares entstand, siedelten sich um den Kirchenbau mehrere Klöster an. Deswegen besteht die Altstadt beinahe nur aus Sakralbauten. Überragt wird natürlich alles von der Kathedrale in der heute noch die Gebeine von Santiago matamoros (Jakobus der Maurentöter) ruhen. Sein Beiname leitet sich daher ab, dass er angeblich in einer Schlacht zwischen Christen und Mauren erschien und das Christenheer zum Sieg führte. Seit diesen Tagen gilt er als der Schutzpatron Spaniens.

 

Als ich dann am Flughafen in Santiago de Compostela stand fiel mir auf, dass es fast auf den Tag genau 10 Monate nun her ist, dass ich zum ersten Mal spanische Boden betrat. Was damals noch zwei unterschiedliche Welten waren (ich, der Barbar aus dem kühlen Norden und Spanien, das Land in dem die Sonne nicht untergeht, sondern nur mal für 6 Stunden nicht scheint) ist im Laufe von 44 Wochen zusammen gewachsen. In der Zeit hier habe ich tiefe Einblicke in die Seele dieses Landes gewonnen und als das Flugzeug Richtung Rom abhob war es, als ob ein guter Freund am Rollfeld zurückbleibt...

 

Niemals sah ich eine größere Konzentration an Kunst und Dummheit, als in den musei vaticani (Vatikanischen Museen). Die Kunst befand sich an den Wänden und Decken, während die Dummheit durch die vielen Säle ging. Trotz mehrmaliger schriftlicher und mündlicher Verbote holten die Besucher bei der erstbesten Gelegenheit ihren Fotoapparat heraus und machten mit Blitzlicht (!!!) Fotos. Ist es eigentlich Dummheit oder einfach nur Ignoranz, dass diese Menschen in ihrem Verhalten nicht einmal etwas Verwerfliches sehen? Checken sie denn nicht, dass sie mit jedem Blitz ein Stück jahrhundertealter Kunst zerstören? (/Sarkasmus) Aber sollte es die sixtinische Kapelle oder die stanze di Raffaello mal nicht mehr im Originalzustand geben ? zum Glück haben sie ja noch ein paar Fotos davon (/Sarkasmus aus)

 

Am Sonntag verließen wir dann die ewige Stadt Richtung Rimini, obwohl das auch schon fast an ein Wunder grenzte. In Italien streikte wieder mal die Belegschaft der trenitalia. Ein von den autonomen Gewerkschaften ausgerufener Streik legte einen Großteil der Zugverbindungen lahm. Wir hatten jedoch Glück, da auf unserer Strecke einer der Vorzeigezüge der trenitalia fuhr. Jedoch zum Vorzeigen war dieser Zug wahrlich nicht:

  • auf meinem Sitz konnte ich die Sitzposition nicht einstellen, weil die Mechanik kaputt war,
  • die Jalousien des Fensters konnte ich nicht herunterlassen, weil die Elektronik kaputt war,
  • meinen Laptop konnte ich nicht einstecken, weil mein Stecker nicht der italienischen Norm entsprach

 

 

Zu den Fotos: (1) Das Ende der Welt markiert auch gleichzeitig das Ende des Jakobsweges. Der Legende nach landete in Fisterra/Finisterre das Boot mit den sterblichen Überresten des Apostels Jakobus. (2) Die Kathedrale von Santiago de Compostela bei Nacht. (3) Judith und ich auf dem Petersplatz in Rom. Innerhalb von nur wenigen Tagen besuchten wir zwei der wichtigsten Pilgerstätten der Christenheit. (4) Glaubt dem Volksmund, kehrt man in irgendwann in die ewige Stadt zurück, wenn man Geld in den Trevi-Brunnen wirft.


Falls es schnell gehen soll...

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